Montag, 22. Dezember 2008

95% gelesen | S.S. Montefiore: Stalins Hofhaltung

Bibliografisches:Stalin. Am Hof des roten Zaren“ von Simon Sebag Montefiore | Frankfurt am Main | S. Fischer | 2005 | übersetzt von Hans Günter Holl | 874 Seiten | entliehen aus der Stadtbibliothek Köln (Mülheim) am 15. Dezember 2008 und inzwischen gelesen. | Originaltitel: „Stalin. The Court of the Red Tsar“

Inhalt (kurz gefasst): Der sowjetische Diktator Stalin hatte rund 25 Jahre die nahezu uneingeschränkte Macht im größten Land der Erde. Montefiore beschreibt die Umgangsformen im Moskauer Hofstaat des Machthabers, das ganze obszöne Personal, wie individuelle Psychopathologie in Massenmord endete oder zumindest im jeweils privat/öffentlichen Missbrauch zur Befriedigung wirtschaftlicher, politischer und - nicht zuletzt - sexueller Perversionen.

Kritik (inhaltlich): Ich fühle mich ausreichend ins Bild gesetzt, wie es im Hofstaat Stalins zuging, wenngleich Stalins Machtzentrum über die 25 Jahre, die dieses Buch behandelt, mir nicht so gut ausgeleuchtet scheint wie das Hitlers (wobei dessen 12 Schreckensjahre natürlich auch leichter zu fassen sind, zeitlich wie archivalisch).

Zu kurz kommt mir die sowjetische Zeitgeschichte, die mir eher unbekannt ist, Montefiore beschränkt sich tatsächlich auf die nähere Umgebung Stalins. Für eine Biografie ist das selbstverständlich in Ordnung, aber was wissen „westliche“ Leser schon über das moderne Russland? (Wenn sie wollen, vermutlich mehr als heutige Russen.)

Erfreulich ist, dass Montefiore seinen erzählerischen Ansatz, Stalins Wahn auf den Suizid seiner langjährigen Lebensgefährtin Nadja zurückzuführen, nicht durchhält. Das Thema taucht episodisch auf, schafft aber kein analytisches Gerüst. (Was ja auch, angesichts der theoretischen Finesse, mit der sich hierzulande Intentionalisten und Strukturalisten zanken, zu dürftig wäre.)

Formal: Ich muss mich doch sehr wundern, dass Verlage von hohem Ansehen immer wieder schwergewichtige Bücher (hier: fast 900 Seiten) auf den Markt werfen, die bei sorgfältigem Lektorat viele kleine Ärgerlichkeiten weniger aufweisen könnten. Ärgerlich finde ich unter anderem das Folgende.
  1. Russische Kose- oder Spitznamen tauchen mehr oder weniger uneingeführt auf, verwirren gelegentlich und werden schließlich auch nicht im Personenverzeichnis entschlüsselt.
  2. Das Personenverzeichnis hätte, vor allem angesichts so vieler Morde, gerne die biografischen Minimaldaten aufnehmen dürfen.
  3. Nicht selten ist der Fluss der Erzählung ein wenig lästig zu lesen, weil über eine längere Passage (an einigen Stellen: 20 Zeilen und mehr) die handelnde Person nicht benannt wird. Sie taucht dann zwar am Ende des jeweiligen Abschnitts auf, sonst wäre es auch ein richtiger Schnitzer, für den Leser lästig ist das aber in jedem Fall. (Ich kenne das Original nicht, habe aber die Vermutung, dass im Englischen „eingerückte“ Passagen einfach in uniformen deutschen Fließtext überführt wurden, anders kann ich mir das nicht erklären.)
  4. Regelrecht ins Grübeln kam ich auf Seite 219. Hier erzählt Montefiore, dass der zur Zeit der Moskauer Schauprozesse 35-jährige Staatsanwalt Andrei Wyschinski, ich zitiere „einst, als Zellennachbar Stalins, die Fresskörbe von seinen Eltern mit diesem geteilt“ habe, was - wie Montefiore empathisch bemerkt - für den Mordgehilfen Wyschinski „eine offenbar sehr lohnende Investition“ gewesen sei. Hier stimmt entweder die Altersangabe (35) nicht oder die Gefängnisanekdote. So etwas sollte in einer gedruckten Fassung nicht mehr auftauchen.
Fazit: Zugegeben, festgelesen habe ich mich vielleicht gerade wegen des mutmaßlichen „Schnitzers“ auf Seite 219 (siehe Punkt 4), weil mich der manchmal etwas anstregende Fluss der Erzählung (siehe Punkt 3) sonst doch vermutlich zum Weglegen animiert hätte.

Sprunghafte Ideen: Trotz meiner Mäkeleien wünsche ich mir die Biografie verfilmt und als Hörspiel (ins Netz gesetzt), in chinesischer, russischer und englischer Sprache (und zwar in dieser Reihenfolge). Warum, dass darf sich jeder selber denken. +++ Sollten wir in der Bundesrepublik noch einen funktionsfähigen Geheimdienst haben (ich glaube ja eher, dass die Sesselpfurzer bloß Zeitungsausrisse aus allgemeinen Medien produzieren), sollte dieser ein marktübliches Netzwerkanalyseprogramm kaufen und die Namen, die in Montefiores „Postskriptum“ auftauchen eingeben und um weiteres Datenmaterial ergänzen. Nachdem man ja schon 1989 nicht wusste, dass die westlichste Baracke des Sozialismus (die zwischen Halberstadt und Frankfurt/Oder) zusammenbrechen würde und mit welchem Personal man zu rechnen hätte: Wäre schön, wenn man über das halbfasischstische, postsowjetische Russland gut Bescheid wüsste.


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