Mittwoch, 24. Dezember 2008

80% quergelesen | Bajohr: Parvenüs und Profiteure

Wen das Coverbild ziert, weiß ich nicht zu sagen. Es steht, soweit ich sehe, nirgendwo im Buch.

Nepotismus, im Kölner Dialekt verniedlichend „Klüngel“ genannt, gehört nach allem, was Ethnologen zutage gefördert haben, zu den anthropologischen Universalien.
Anders formuliert: Begünstigung, Bestechung, ökonomische „Nächstenliebe“ oder schlicht „Korruption“ sind in jeder menschlichen Gesellschaft anzutreffen.
Nicht wirklich überraschend, dass dieses Phänomen in einer Diktatur stärker anzutreffen ist, in der die völlige Entrechtung von Minderheiten ihre Angehörigen in absolute Abhängigkeiten versetzt und die Schergen des Oberhenkers allenthalben für das Wohlbefinden auch ihrer Mitschergen zu sorgen haben - kein Wunder, dass Korruption im totalitären System stärker anzutreffen ist, als beispielsweise in halbwegs solide verwalteten demokratischen Rechtsstaaaten mit halbwegs intakter Presse- und Kommunikationsfreiheit.

(Nebenbei bemerkt: Hans Blumenbergs Miniessay zum Motto der SS, „Meine Ehre heißt Treue“, bewahrheitet sich auch hier.)

Das Nazi-Regime war korrupt bis in die Knochen.
(Nebenbei: Dieser Satz ist so abgründig, dass ich ihn lieber nicht exegiere.)

Das Nazi-Regime war korrupt bis in die Knochen, was einigermaßen bekannt und damit nicht sonderlich überraschend zu lesen war. Bajohr präsentiert exemplarische Geschichten, etwa aus Hamburg oder anhand ausgewählter NS-Oberschergen.

So weit, so gut. So weit, so langweilig. Was ich mir wünschen würde: Wer vor 1989/90, dem Zusammenbruch des DDR-Regimes, eine detaillierte Studie über das korrupte NS-Regime schreiben wollte, geriet leicht in den Ruf, „vom Osten“ bezahlt, unterstützt oder zumindest intellektuell korrumpiert zu sein. Diese Zeiten sind vorbei. Wünschenswert wäre daher eine Studie zu lesen, wie sie zum Beispiel zum transatlantischen Sklavenhandel existieren: Man bekomme Namen, Firmen, Zahlen, Orte vorgelegt, „Ross und Reiter“ - selbst, wenn die nach 1945 fortexistierenden Verstrickungen, Netzwerke und Seilschaften aus der Zeit vor 1945 bloßgestellt werden.

Das fände ich spannend. Als Einführung von Wert ist derweil sicher:

Frank Bajohr | „Parvenüs und Profiteure. Korruption in der NS-Zeit“ | Frankfurt am Main | Fischer | 2004 | gerade erst meiner Bibliothek & frisch meinem Kopf einverleibt | 256 Seiten (davon 195 Seiten Fließtext).

Damit habe ich für heute und für mich das Thema „Wunschzettel“ aber auch schon vom Tisch. Doch, ein kleiner Wunsch vielleicht. Machen Sie doch noch ein paar Klicks zum höheren Ruhm der Suchmaschinen!








Keine Kommentare: